
„Ein goldener Schlüssel, der in den Dreck gefallen ist, bleibt ein goldener Schlüssel“
Ein Tag mit dem Gefängnisseelsorger Georg Gebhard in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg
Es ist kurz vor acht Uhr morgens, als Georg Gebhard an der Pforte der Justizvollzugsanstalt Ravensburg ankommt. Ein Beamter der Torwache lässt ihn durch den Mitarbeitereingang herein.
Der erste Weg führt in einen nur mit einem Chip zu öffnenden Nebenraum. Hier endet das Draußen. Sein Handy legt er in ein Schließfach. „Auch alles, was nicht unbedingt nötig ist, bleibt hier“, erklärt er. Dann greift er nach dem, was drinnen notwendig ist: ein Schlüsselbund, kühl in der Hand, und die PNA, eine persönliche Notrufanlage, ein kleines schwarzes Telefon mit Alarmknopf. Beides hängt wenig später an seinem Gürtel.
Mit einem metallischen Klicken schließt sich die erste Tür hinter ihm und er tritt hinaus auf einen kahlen Innenhof. Die Luft ist noch kalt. Über ihm spannt sich ein grauer Januarhimmel. Schritte hallen über den Beton. Auf der anderen Seite des Hofes liegt der 7 Mitarbeitertrakt. Noch eine Tür, noch ein Schloss. „Man gewöhnt sich daran“, meint Gebhard, „aber sie erinnern einen jeden Tag daran, wo man ist.“
Seit 2020 arbeitet Georg Gebhard hier als Seelsorger. Über 500 Männer sind in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg inhaftiert. Er kennt viele ihrer Geschichten, ihre Stimmen, ihre Gesichter. Manche nur flüchtig, andere über Jahre hinweg. Sein Büro liegt auf der dritten Etage eines anderen Gebäudes, mittendrin in einer Abteilung, in der ca. 40 Inhaftierte untergebracht sind. Ein Schreibtisch mit Blick hinaus ins Freie, hinter Gitterstäben. Ein Gesprächstisch steht in der Mitte des Raumes, Stühle drumherum. An der Wand entlang streckt sich ein großer Schrank mit allerlei Dingen wie Lesebrillen, Bücher und Tabak, auch Bibeln in allen erdenklichen Sprachen. Im Schrank befindet sich außerdem ein Stapel Anträge. Die Gefangenen müssen schriftlich beantragen, wenn sie mit ihm sprechen wollen. Jeden Morgen holt er sich die neuen Anträge im Mitarbeitertrakt ab.
„Gesprächsanträge haben Vorrang“, betont er, während er die Zettel durchgeht. Neben ihm sitzt sein evangelischer Kollege, mit dem er sich die Arbeit teilt. Sie gehen die Namen durch, sprechen sich ab, damit nichts doppelt bearbeitet wird. Bei den Anträgen kann es vorkommen, dass sich ein Gefangener einen der beiden Seelsorger explizit wünscht. Diesem Wunsch gehen sie in der Regel nach. Manchmal steht auf einem Antrag nur: „Gespräch dringend.“ Oft geht es aber auch um einen konkreten Wunsch: ein Telefonat, Unterstützung bei einem Brief, Begleitung in einer Trauerphase. „Hier entscheidet sich oft schon, wie der Tag wird“, sagt der Seelsorger.
Kurz darauf steht er auf dem Gang vor einer Zellentür. Er klopft an und schließt mit einem der zahlreichen Schlüssel auf. Der Inhaftierte tritt heraus. Gemeinsam gehen sie durch die Flure in Richtung Seelsorgeraum. An seinem Gürtel stets die Schlüssel und die PNA: „Für den Fall der Fälle.“ Benutzen musste er sie noch nie.
Im Gespräch sitzt der Inhaftierte zunächst mit verschränkten Armen da. Der Anfang eines Gesprächs ist oft nicht leicht, die Themen sehr unterschiedlich. Es geht um Glaubensfragen, Lebensfragen, Schuld, aber auch den Mangel an allem im Gefängnis: Mangel an Geld, Mangel an Beziehungsleben, an Sexualität sowie materielle Not. Georg Gebhard hört zu, fragt behutsam nach. Er drängt nicht. Seelsorge im Gefängnis heißt oft: aushalten.
„Weihnachten ist die schwerste Zeit“, sagt der Seelsorger später. „Da wird der Freiheitsentzug körperlich spürbar.“ Während draußen Familien zusammenkommen und Freude sich verbreitet, werden hier die Gänge stiller als sonst. Ein Gefangener erzählte ihm einmal, dass er an Weihnachten nicht mit seiner Familie telefoniere, da er das nicht aushalte.
Gebhard und sein evangelischer Kollege halten in der Vollzugsanstalt auch regelmäßig Gottesdienste. In der Weihnachtszeit sind sie besonders gut besucht. Im vergangenen Jahr kam ein Chor von außerhalb. „Viele hat das sehr berührt“, erzählt Georg Gebhard, sowohl die Inhaftierten als auch die Sängerinnen und Sänger.
Er lehnt sich zurück. Sein eigener Weg führte ihn über Umwege hierher. Nach dem Abitur wollte er Medizin studieren. Ein Praktikum auf der Intensivstation konfrontierte ihn früh mit Sterben und Tod. „Das waren Grenzsituationen“, erinnert er sich. „Da habe ich gemerkt, dass mich die existenziellen Fragen mehr interessieren als die medizinischen.“ Er studierte Theologie, arbeitete sechzehn Jahre als Klinikseelsorger in Tübingen. Dann kam der Wunsch nach Veränderung. Über eine Anzeige erfuhr er von der freiwerdenden Stelle in der Gefängnisseelsorge und kontaktierte seinen Vorgänger. Nach einem Besuch zu einem Sonntagsgottesdienst stand seine Entscheidung fest: Hier wollte er weiter Seelsorge betreiben. „Ich habe die Arbeit eines Seelsorgers einmal den ‚Ernstfall christlicher Hoffnung‘ genannt. Hier ist er sehr konkret.“
Am späten Vormittag geht er wieder über den Gang. Ein neuer Antrag, ein weiteres Gespräch, Priorität hoch: ein Todesfall in der Familie. Georg Gebhard erinnert sich an einen Fall von vor zwei Jahren. Das Kind der Schwester eines Gefangenen verstarb jung. Dieser wollte dann niemanden sehen und ließ sich in seiner Zelle einschließen. „Der wollte einfach nur weg sein und suchte kein Gespräch mit mir. Einen Tag später klopfte er dann doch bei mir. Was er erzählte, bewegt mich bis heute: Mitgefangene, mit denen dieser Mann zuvor kaum gesprochen hatte, waren in seine Zelle gekommen und hatten Tee gekocht. Er erzählte mir, dass sie zusammensaßen, drei Verbrecher, und gemeinsam geweint hätten.“ Für den Seelsorger sind das Momente, in denen Würde spürbar wird: nicht abstrakt, sondern ganz konkret.
Würde ist ein Wort, das er oft benutzt. „Der Mensch bleibt Ebenbild Gottes“, sagt er. Auch wenn er schuldig geworden ist. Auch wenn er lügt, manipuliert, provoziert. „Man wird misstrauischer, vorsichtiger, auch im privaten Umfeld“, gibt Georg Gebhard zu. „Hier gibt es oft einen taktischen Umgang mit der Wahrheit.“ Und doch versucht er, hinter die Fassade zu sehen.
Am Nachmittag steht ein Rundgang über eine der Abteilungen an. In einer Zelle leben drei Männer zusammen: ein überzeugter Christ, ein überzeugter Muslim und ein Atheist. Auf dem kleinen Regal stehen Bibel und Koran nebeneinander. „Die diskutieren hart“, betont der Seelsorger, „aber sie reden miteinander.“ Seit Monaten gehe das gut. Für ihn ist das ein Zeichen, dass Begegnung über Grenzen hinweg möglich ist – selbst hier.
Nicht alles ist friedlich. Das Gefängnis hat seine Hierarchien. Ganz unten stehen Sexualstraftäter, besonders jene, die Kinder missbraucht haben. Für sie gibt es eine eigene Schutzabteilung. „Das ist hier kein wertfreier Raum“, erklärt der Theologe. Auch hinter Mauern gelten unausgesprochene Regeln.
In einem späteren Gespräch geht es um Schuld. Ein Mann hatte seine Freundin fast krankenhausreif geschlagen. Anfangs zeigte er keine Reue, sprach von verletzter Ehre. Erst als sein Vater starb, kam etwas ins Rutschen. In der Trauer brach die Scham hervor. „Reue lässt sich nicht erzwingen“, ist Gebhard überzeugt, „manchmal braucht es Jahre.“ Er spricht von „Tätern und Opfern in einer Person“. Wenn Gefangene von ihrer Kindheit erzählen – von Gewalt, Vernachlässigung, Perspektivlosigkeit – verschwimmen einfache Kategorien. „Das entschuldigt nichts“, betont er. „Aber es erklärt manches.“
Der Arbeitstag nähert sich dem Ende. Georg Gebhard sitzt an seinem Schreibtisch, notiert sich Stichpunkte, legt Anträge für morgen bereit. Bevor er geht, bleibt er eine halbe Stunde in Stille. Lässt los. „Sonst nehme ich alles mit nach Hause.“
Ob er die Männer nach ihrer Entlassung wiedersieht? Manchmal. Im Bus, in der Stadt. Ein kurzes Gespräch, ein vorsichtiges Lächeln. Er selbst geht grundsätzlich nicht aktiv auf die Betreffenden zu, sondern überlässt es dem Gegenüber. Nicht jeder der ehemals Inhaftierten möchte, vor allem wenn er in Begleitung ist, an seine Zeit hinter Gittern erinnert werden. „Es ist schön zu sehen, wenn jemand draußen seinen Weg findet.“
Als er schließlich wieder durch die Sicherheitsschleusen tritt, fällt das letzte Tor hinter ihm ins Schloss. Draußen wird es bereits dunkel. „Und das Licht leuchtet in der Finsternis“, zitiert er leise aus dem Johannesevangelium.
Neulich habe er in einer Kunstausstellung einen Satz gelesen, erzählt er noch: In der Natur gebe es keine gerade Linie. Gerade Linien seien menschengemacht – technisch, konstruiert, hart. In gewisser Weise „ gottlos“, weil sie keinen Raum für Wachstum und Brüche ließen. „Wenn ich hier auf die Biografien schaue, dann sehe ich selten gerade Linien.“ Viele Lebensläufe der Männer hinter den Mauern gleichen eher zerklüfteten Wegen als sauberen Strecken auf einer Landkarte. Abbrüche, Gewalt, Suchterkrankungen, zerbrochene Beziehungen, frühe Kränkungen. Entscheidungen, die alles verändert haben. Schuld, die nicht wegzudiskutieren ist. „Das sind keine geraden Karrieren“, sagt er, „das sind krumme Linien.“
Doch der Seelsorger glaubt daran, dass in jedem Menschen ein Kern bleibt, der nicht zerstört werden kann – ein Rest von Licht, eine Möglichkeit von Zukunft. Manchmal sei dieses Licht kaum sichtbar, verschüttet unter Scham, Stolz, Wut oder Verzweiflung. Manchmal flackere es nur kurz auf – in einer geteilten Träne in einer Gefängniszelle, in einer späten Reue, in einem ehrlichen Gespräch.
„Ein goldener Schlüssel“, sagt er zum Abschied, „der in den Dreck gefallen ist, bleibt ein goldener Schlüssel.“
TEXT
JULIA GAUL (26)




