
Kipppunkte in der Kirche
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute […] sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“ (GS 22) – so wollten die Konzilsväter im Nachgang des Zweiten Vatikanischen Konzils die Haltung der Kirche in der heutigen Welt und Gesellschaft verstanden wissen. Doch was bedeutet es, wenn gerade die Nöte und Ängste der Menschen ganz real werden? Wenn Solidarität zum konkreten Handeln aufruft – als Kirche, aber auch im eigenen Leben? Drei Menschen, die tagtäglich den verschiedensten Nöten und Anliegen der Menschen gegenüberstehen, berichten, wie gerade diese „Kipppunkte“ auch an den verschiedensten Enden der Erde zu neuen Chancen der Hoffnung und der Begegnung werden können.
Gabriele Denner
„Ich bin neugierig auf das, was kommt.“
Gabriele Denner ist Geschäftsführerin der Geschäftsstelle Diözesane Räte für die Diözese Rottenburg Stuttgart und damit mittendrin, wenn es um die Frage nach neuen Wegen und Veränderungen in der Diözese geht. Ihr täglicher Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen und Meinungen prägt dabei nicht nur ihren Beruf.
Liebe Frau Denner, der Diözesanrat besteht aus zahlreichen Vertretern der Dekanate, des Priesterrats, kirchlicher Organisationen, dem Ordinariat und vielen weiteren. Ein bunter Querschnitt durch die kirchlichen Arbeitsfelder. Welche Sorgen und Nöte begegnen ihnen da besonders häufig?
In der Tat ein bunter Querschnitt. Erstens die persönlichen, familiären Sorgen: Gesundheit; Pflege von Angehörigen; das Älterwerden und damit finanzielle und organisatorische Fragen sowie Einsamkeit und der Verlust vertrauter Kontakte. Bei den Jüngeren dominiert die Frage nach der Zukunft und der Verwirklichung beruflicher Wünsche in Zeiten des Wandels. Zweitens die gesellschaftspolitischen Sorgen: Klimawandel, die weltpolitische Lage, die wirtschaftliche Unsicherheit, Polarisierung und das Erstarken der AfD und die damit verbundene Angst, um die Stabilität unserer Demokratie. Drittens die kirchlichen Entwicklungen: sinkende Finanzen, weniger pastorales Personal, schrumpfende Mitgliederzahlen. Auch der diözesane Prozess „Kirche der Zukunft“ löst viele Verlustängste und Sorgen aus: Was passiert mit meiner Kirchengemeinde? Oder auch die Sorge nach der priesterlichen Existenz oder um das zukünftige Profil der Pastoralen.
Wenn es um unterschiedliche Sorgen und Standpunkte geht, kann es gerade im kirchlichen Kontext schnell schwierig werden. Kipppunkte scheinen da teils unausweichlich. Wie gehen Sie damit um?
Es ist wichtig, aufmerksam zu sein, zuzuhören, für Transparenz zu sorgen und im Austausch zu bleiben. Sobald die Türen gegenseitig verschlossen sind, kommt man nicht über den Kipppunkt. Synodale Haltungen sind für mich dabei zentral – nicht als Methode, sondern als Grundhaltungen, die jedoch laufend vermittelt und eingeübt werden müssen. Ein Beispiel: In der Novembersitzung 2025 des Diözesanrats ging es um Entscheidungen zur künftigen Pastoral und Größe der Pfarreien. Es gab hohen Druck und Anspannung. Dennoch: Dem Prinzip der Synodalität folgend wurde konstruktiv und auch kontrovers diskutiert, viele Meinungen gehört, immer respektvoll und offen. Ein ehrlicher, offener Dialog stand im Vordergrund und das Bewusstsein: Es geht nicht um meine persönliche Befindlichkeit, sondern um etwas Größeres. Dabei war für mich ein „positiver“ Kipppunkt besonders: Wir hielten immer wieder stille Momente und baten im Gebet um den Heiligen Geist. Das führte alles auf eine tiefere / höhere Ebene.
Veränderungen prägen das Wachstum der Kirche seit jeher. Wie stehen Sie dazu und welche Chancen oder Risiken sehen Sie ganz konkret für die Kirche und Diözese auf ihrem Weg in die Zukunft?
Ich sehe Veränderung als natürlichen Teil des Lebens. Alles Lebendige ist im Wandel, auch Gottes Schöpfung ist in ständiger Bewegung und ich bin von Natur aus neugierig auf das, was kommt. Natürlich birgt ein neuer Weg immer ein gewisses Risiko, aber ein noch größeres Risiko ist es, stehen zu bleiben. Ich habe großes Vertrauen und auch die Hoffnung, dass es trotz mancher Verluste neue Aufbrüche geben wird. An Orten, die wir bisher gar nicht im Blick hatten und mit vielen Menschen, die sich mit ihrem Charisma einbringen. Hierfür braucht es konkrete Formen von Beteiligung und neue Modelle von Seelsorge – auch im Blick auf das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen. Wandel ist unvermeidbar und notwendig und wenn dieser sorgsam gestaltet, transparent kommuniziert und kollektiv getragen wird, habe ich viel Zuversicht für die Zukunft. Dabei lohnt sich immer auch der Blick „nach oben“, um nicht die Orientierung zu verlieren.
Pfarrer Philip Aung Nge
„Meine Kraft kommt von Gott.“
Pfarrer Philip Aung Nge ist Leiter des Diözesanen Notfallteams der Diözese Loikaw in Myanmar. Dort setzt er sich im Geist der Nächstenliebe tagtäglich für tausende Menschen ein, die von Naturkatastrophen, Konflikten und sozialen Missständen betroffen sind, unabhängig ihrer Religion und Herkunft, darunter auch über 5.000 Kinder.
Lieber Pfarrer Nge, die tagtäglichen Nöte der Menschen fordern Ihren vollen Einsatz. Wie erleben Sie die Kirche vor Ort und welchen Rückhalt erfahren Sie für Ihr Wirken und Handeln?
Nach dem Militärputsch 2021 übernahm die Diözese im Bundesstaat Kayah eine zentrale Rolle bei der Unterstützung von Vertriebenen. Kirchengelände dienten als sichere Zufluchtsorte für Tausende, denen Lebensmittel, Wasser, medizinische Hilfe, Notunterkünfte sowie seelsorgliche Begleitung, Gebet und geistliche Ermutigung angeboten wurde. Trotz begrenzter Ressourcen und anhaltender Sicherheitsrisiken arbeitete die Diözese mit anderen christlichen Gemeinschaften, religiösen Gruppen und Organisationen zusammen, um die humanitären Maßnahmen zu stärken. Katholiken, andere kirchliche Gemeinschaften, glaubensbasierte Gruppen und humanitäre Organisationen – sowohl innerhalb Myanmars als auch im Ausland – leisteten großzügige Beiträge in Form von Lebensmitteln, Medikamenten, finanzieller Hilfe und anderen lebenswichtigen Gütern. Ebenso wichtig war die moralische und geistliche Unterstützung: Gebete, Solidaritätsbekundungen und ermutigende Worte aus aller Welt stärkten Mut und Widerstandskraft der Diözese und ihrer Gläubigen. Durch Glauben, Einheit und Zusammenarbeit steht die Diözese von Loikaw weiterhin fest an der Seite ihrer Bevölkerung. Sie bezeugt Hoffnung im Leid und wirkt als Zeichen des Mitgefühls und der Solidarität in einer der schwierigsten Phasen der jüngeren Geschichte Myanmars.
Wo erleben Sie in all dem persönlich auch „Kipppunkte“ oder Zeiten der Resignation? Wie gelingt es Ihnen gerade dann, weiterzumachen?
Zu Beginn des Konflikts in Myanmar hofften wir auf ein schnelles und erfolgreiches Ende. Doch auch nach fünf Jahren hat das Leid zugenommen. Manchmal fühle ich mich überwältigt – traurig, ängstlich, besorgt sowie körperlich und geistig erschöpft. Es gibt Momente, in denen ich diesen schweren Verantwortungen entfliehen oder auf ein Wunder Gottes hoffen möchte, das alles Leid sofort beendet. Doch mir ist bewusst, dass solche Wünsche zutiefst menschlich sind. Als Priester entscheide ich mich, alles dem Plan Gottes anzuvertrauen. Ich vertraue darauf, dass Gott die Antworten kennt und mich dazu beruft, geduldig, mutig und standhaft in der Hoffnung zu bleiben. Meine Kraft kommt von Gott, trotz meiner persönlichen Grenzen. Das tägliche Gebet trägt mich, ebenso die Gebete und die Ermutigung von Freunden und Unterstützern. Vor allem aber gibt mir das Leid der Kinder, Frauen und Männer, die auf uns angewiesen sind, neue Energie. Ihr Vertrauen inspiriert mich, nicht aufzugeben, sondern weiterhin treu zu dienen und selbst inmitten von Not mit Hoffnung, Mitgefühl und Ausdauer zu wirken.
Papst Leo schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Dilexi Te: „ Keine Geste der Zuneigung, auch nicht die kleinste, wird vergessen werden, besonders wenn sie denen gilt, die in Schmerz, Einsamkeit und Not sind“ (DT 4). Was sind für Sie Kraftquellen Ihres Alltags, wenn Sie sich mit dem vielfältigen Leid der Menschen konfrontiert sehen?
Manchmal kommt mir der Gedanke, dass mein Einsatz und mein Dienst nicht alles verändern können – weder den Hunger noch den Schmerz der Menschen. Doch ich glaube, dass mir der Segen und die Gnade geschenkt wurden, bei ihnen zu sein: gemeinsam zu weinen, ihr Leid zu teilen, Ängste miteinander auszuhalten und Sorgen Seite an Seite mit den Ärmsten und Verwundbarsten zu tragen. Auch wenn ich nicht jedes Problem lösen kann, kann ich sie in Solidarität und Mitgefühl begleiten. Wenn ich die unschuldigen Kinder sehe, die trotz allem fröhlich und unbekümmert spielen, erteilen sie mir eine wichtige Lektion: den gegenwärtigen Moment zu schätzen, ohne von Angst überwältigt zu werden, und vollkommen auf Gott zu vertrauen. Ihre Freude mitten in der Not erinnert mich daran, dass die Hoffnung noch lebt. So bete, arbeite und achte ich sowohl auf mich als auch auf die Menschen um mich herum. Und alles, was meine Kraft und mein Verstehen übersteigt, lege ich vertrauensvoll in Gottes Hände, in der Zuversicht, dass er uns durch diese schweren Zeiten führen wird.
Mirco Quint
„Das Christentum nimmt Brüche ernst.“
Mirco Quint ist seit 2021 Leiter der deutschsprachigen katholischen Gemeinde St. Michael in Tokyo. Als Pfarrer in der größten Metropolregion der Welt kennt er das Leben in der Diaspora und weiß, was es bedeutet, wenn Menschen in einer anderen Kultur ihren Glauben suchen und welchen Halt er ihnen auch an fremden Orten geben kann.
Pfarrer Quint, was zeichnet ihren pastoralen Alltag in einer Metropole aus, in der das Christentum in der deutlichen Minderheit ist? Sehen Sie Schwierigkeiten oder sogar Chancen dabei?
Der Alltag in Tokyo ist geprägt von einer paradoxen Mischung aus Unsichtbarkeit und Intensität. Christinnen und Christen sind hier eine kleine Minderheit, und genau das verändert die Dynamik: Nichts geschieht „automatisch“. Wer hier seinen Glauben lebt, tut es bewusst, oft tastend, manchmal suchend – aber immer mit einer bemerkenswerten inneren Freiheit. Schwierigkeiten gibt es natürlich: die enorme Mobilität der Menschen, die Sprachbarrieren, die kulturelle Zurückhaltung. Gleichzeitig erlebe ich darin eine große Chance: Die Diaspora zwingt uns, das Wesentliche neu zu entdecken. Gemeinschaft entsteht nicht aus Tradition, sondern aus Entscheidung. Glaube wird nicht vorausgesetzt, sondern erfragt. Und Kirche wird nicht als Institution wahrgenommen, sondern als Beziehungsgeschehen. In dieser Metropole, die niemals stillsteht, wird Seelsorge zu einem Ort der Entschleunigung. Menschen kommen mit einer Sehnsucht nach Resonanz – und oft reicht schon ein kleines, achtsames Gegenüber, um Hoffnung wieder spürbar zu machen.
Japan gilt als das Land des Lächelns – und doch sind es nicht immer nur freudige Erfahrungen, die Sie vor Ort machen werden. Worin sehen Sie Stärken des Christentums, auch in Bezug auf Herausforderungen oder im Kontakt mit anderen Kulturen?
Das höfliche Lächeln Japans ist ein Geschenk, kann aber auch ein Schutzschild sein. Hinter der Harmonie liegen oft große Belastungen: Arbeitsdruck, soziale Erwartungen, Einsamkeit. In solchen Momenten zeigt sich eine besondere Stärke des Christentums: Es nimmt die Brüche ernst. Es übergeht die Wunden nicht, sondern spricht sie aus – und verbindet sie mit einer Hoffnung, die nicht naiv ist. Im interkulturellen Kontakt erlebe ich, wie sehr das Evangelium eine Sprache spricht, die über kulturelle Grenzen hinausgeht: die Sprache der Würde. Die Botschaft, dass jeder Mensch unendlich wertvoll ist, unabhängig von Leistung oder Rolle, berührt hier viele. Gleichzeitig lerne ich selbst täglich von der japanischen Spiritualität: von der Achtsamkeit, der Stille, dem Respekt vor dem Unausgesprochenen. Diese Begegnung verändert auch meine eigene Art, Christsein zu leben. Es entsteht ein Dialog, in dem beide Seiten wachsen.
Papst Franziskus sprach von der Kirche als einem „Feldlazarett“, die dorthin gehen muss, wo die Menschen leiden und wo sie hoffen. Welches Bild beschreibt es für Sie am besten? Wie verstehen Sie „Kirche“ – auch im Blick auf ihre zukünftige Richtung und Relevanz in der Welt?
Für mich ist Kirche am ehesten ein „Ort des Zuhörens“. Ein Raum, in dem Menschen mit ihren Fragen, Zweifeln und Hoffnungen ankommen dürfen, ohne vorher erklären zu müssen, wer sie sind oder was sie glauben. Das Bild des Feldlazaretts trifft einen wichtigen Punkt: Kirche muss beweglich sein, nah an den Menschen, nicht fixiert auf Strukturen. Aber ich würde ergänzen: Sie ist auch ein Ort, an dem Menschen wieder atmen lernen. Ein Raum, der nicht nur versorgt, sondern stärkt. Für die Zukunft wünsche ich mir eine Kirche, die weniger Angst vor Verlusten hat und mehr Mut zur Begegnung. Eine Kirche, die nicht zuerst fragt, wie sie sich selbst erhält, sondern, wie sie Hoffnung ermöglicht. In Tokyo erlebe ich täglich, dass Relevanz nicht aus Größe entsteht, sondern aus Präsenz. Dort, wo Kirche zuhört, teilt, tröstet, feiert und mitgeht, wird sie glaubwürdig – auch in einer Welt, die sich rasant verändert.
UMFRAGE
DOMINIK KUNEK (27)





