„Wir sind alle noch da“

Die obersten Beamten von Philippi ließen Paulus und seinen Begleitern viele Schläge geben und sie ins Gefängnis werfen; dem Gefängniswärter gaben sie Befehl, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block. Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu. Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf und allen fielen die Fesseln ab. Als der Gefängniswärter aufwachte und die Türen des Gefängnisses offen sah, zog er sein Schwert, um sich zu töten; denn er meinte, die Gefangenen seien entflohen. Da rief Paulus laut: Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da. Jener rief nach Licht, stürzte hinein und fiel Paulus und Silas zitternd zu Füßen. Er führte sie hinaus und sagte: Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden? Sie antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus. Und sie verkündeten ihm und allen in seinem Haus das Wort des Herrn. Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen. Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war. (Apg 16,23-34)

Die gesamte Osterzeit hindurch begleitet uns in den liturgischen Lesungen die Apostelgeschichte, die Erzählung von den Reisen und Taten der ersten Nachfolger Jesu. In dieser Perikope aus Apg 16, die wir am 12. Mai hören werden, sind Paulus und seine Begleiter in Philippi unterwegs, wo sie scharfe Abneigung erfahren, bis sie im Gefängnis, „in sicherem Gewahrsam“ landen. Hieraus soll es kein Entkommen geben, der Erfolg von Paulus’ Mission steht auf der Kippe. Doch statt sich der Verzweiflung hinzugeben, brechen Paulus und Silas mit den Erwartungen: Sie singen Loblieder. Und ihre Freude muss so ansteckend gewesen sein, dass die übrigen Gefangenen ihnen zuhören. Was darauf folgt, ist das erste Wunder in dieser Geschichte, das zeigt, welche Macht im Brechen der Erwartungen liegt: Gottes Macht bricht herein in die Situation der Ohnmacht und wird zur Rettung und Befreiung, indem sie zerbricht und aufbricht, was gefangen hält.

Es ist dieses erste Wunder, der Zusammenbruch von Mauern, Türen und Fesseln, das auch für einen anderen Menschen einen tiefen Bruch bedeutet: Der Gefängniswärter, ein einfacher, vermutlich nicht sonderlich beliebter Mann, sieht im Zusammenbruch seines Gefängnisses auch den Zusammenbruch seines Lebens vor sich. Er ist es, der die Verantwortung für die Gefangenen trägt; für ihren Ausbruch muss er mit seinem Leben haften. Wie sein Gefängnis liegt nun auch sein ganzes Leben in Trümmern. Er möchte dem schmachvollen Tod durch Hinrichtung entgehen und sich selbst das Leben nehmen, als sich das zweite Wunder dieses Textes ereignet. Es ist ein Wunder von Menschen, die selbst dann, wenn ihnen Aufbruch und Neuanfang ermöglicht werden, noch den im Blick haben, der ihnen verhasst sein müsste. Inmitten des aufgebrochenen Gefängnisses stehen Paulus und die anderen Gefangenen: Wir sind alle noch da.

Ein zweites Mal bricht Paulus also mit den Erwartungen und ermöglicht nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Gefängniswärter einen Aufbruch. Dieser gemeinsame Neuanfang führt den Wärter und seine Familie zum Glauben an Christus und zu einer Fülle an Freude. Damit erzählt uns diese Perikope die Geschichte von zwei völlig unterschiedlichen Personen, die beide (zumindest der Erwartung nach) am Rande des Zusammenbruchs stehen. Vielleicht erleben auch wir solche, wenn auch vielleicht nicht ganz so existenzielle Situationen des Zusammenbruchs. Vielleicht begegnen uns Menschen, deren Leben in ähnlichen Trümmern liegt. Vielleicht steht auch bei uns oder in unserem Umfeld einiges auf der Kippe. Doch die Apostelgeschichte ist nicht nur eine nette Erzählung, sie möchte uns Hoffnung spenden und Handlungsanweisung sein. Denn selbst wenn wir uns vielleicht schwer damit tun, auf ein Wunder von Gott zu hoffen, dürfen wir doch auf Wunder von den Menschen hoffen, die um uns sind, uns sehen und mit den Erwartungen brechen. Und schließlich sind auch wir gefordert, Wundertätige zu sein. Paulus kann uns ein Beispiel geben, worin ein solches Wunder bestehen kann: darin, die Hoffnung nicht aufzugeben, und darin, für Menschen da zu sein, wo sie uns brauchen – nicht zuletzt aus der Kraft, die Gott uns dazu schenken will.

TEXT: GABRIEL HÄUSSLER (25)