
„Christ:in sein ist eine Identität mit offenen Rändern“
Interview mit Prof. Michael Schüßler
Michael Schüßler ist Professor für Praktische Theologie an der Katholisch- Theologischen Fakultät in Tübingen. In seinem 2025 erschienenen Buch „Es kommt was ins Rutschen“ nimmt er die Leser: innen mit auf eine theologische Reise an die Kipppunkte der Gegenwart. Wie geht Christ:in-Sein, wenn es nicht mehr zuallererst um das Überleben der Kirche, sondern um das Schicksal der Welt geht? Darüber habe ich mit ihm gesprochen.
Herr Schüßler, Ihr Buch spricht nicht nur ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern viele theologisch Interessierte an. Was hat Sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?
Ich wollte die Themen, die mich in den letzten zehn Jahren beschäftigt haben, auf verständliche Weise zwischen zwei Buchdeckel bringen: Ohne akademischen Apparat, unendlich viele Fußnoten und Fachsprache. Das war gar nicht so einfach, denn in den letzten Jahren bin ich an vielen unterschiedlichen Bereichen interessiert gewesen: Das liegt vielleicht an mir, aber auch am Fach der Praktischen Theologie, das Probleme und Herausforderungen der Gegenwart aus einer christlich-theologischen Perspektive aufgreift und versucht, sich darauf einen Reim zu machen. Das Buch ist der Versuch, diese unterschiedlichen Erfahrungen, das Wissen, das dabei entstanden ist, aber eben auch die offenen Fragen zu versammeln, so dass andere das nachlesen können.
Also einmal alles, bitte?
Das könnte die problematische Rückseite sein, dass man einen Gemischtwarenladen aus all den unterschiedlichen Themen zusammengebunden bekommt. Trotzdem würde ich sagen, dass es rote Fäden gibt, die sich durchziehen.
Eine zentrale Perspektive des Buches eröffnen Sie gleich im Titel: „Es kommt was ins Rutschen“. Wer regelmäßig die Nachrichten verfolgt, weiß, dass das als gesamtgesellschaftliche Diagnose durchgehen könnte. Wie kamen Sie auf diesen Titel?
Um ehrlich zu sein, habe ich lange nach einer passenden Formulierung gesucht. Das, was man im akademischen Bereich mit „Verflüssigungsmetaphern“ beschreibt, prägt die Gegenwart. In Zeitungsartikeln und Berichterstattungen bin ich dann immer wieder über dieses Sprachbild gestolpert. Es tauchte so oft auf, dass ich das Gefühl hatte, dass es die Gegenwartserfahrung gut auf den Begriff bringt – gesamtgesellschaftlich, aber eben auch im Blick auf Glauben und Kirche.
In der Einleitung Ihres Buches schreiben Sie, dass Ihr theologisches Denken und damit auch Ihr Buch nicht von Ihrer Biografie zu trennen ist. Sie schreiben, Sie seien „quasi kurz vor dem Kipppunkt“ in eine Kirche hineinsozialisiert worden, in der die Gemeinde Drehund Angelpunkt kirchlichen Lebens war. Wie hat Sie das geprägt?
Meine Familie mütterlicherseits wurde aus dem Sudetenland vertrieben. Dementsprechend prägte der ganz traditionelle „Vertriebenenkatholizismus“ mein Aufwachsen. Ich war Ministrant und habe später Jugendarbeit gemacht. So wurde ich Hals über Kopf in das pfarrgemeindliche Setting einsozialisiert. Freundeskreis, Jugendgruppe am Freitagabend … so, wie das in den 80er Jahren noch funktionierte. Wir haben aber auch schon damit gekämpft: Wie kann man sonntags in die Kirche gehen und diese ganze Glaubenstradition im Rucksack haben und zugleich in der Gegenwart leben, in die Disco gehen und alles, was damals popkulturell angesagt war, mitnehmen? Wir merkten, dass das sehr verschiedene Welten sind – und das war vermutlich der Kipppunkt: Nicht mehr ganz zufrieden zu sein im gemeindlichen Kontext, sondern zu fragen: Darf ich so sein, wie ich bin, und zugleich weiter katholisch?
Und dann haben Sie unter anderem Theologie studiert. Mit welcher Vision von Kirche sind Sie damals ins Studium gestartet?
Ich würde sagen, dass ich durch unseren Pastoralreferenten und die Auseinandersetzungen in der Jugendarbeit, z.B. die Fahrten nach Assisi, aber auch die Rezeption von Befreiungstheologie, schon in relativ jungen Jahren eine sehr kritische Form von kirchlicher Loyalität entwickelt habe. Ich bin also schon mit einem kritischen Bild ins Theologiestudium gestartet. Ich kann mich noch an einen Infotag im Bamberger Priesterseminar erinnern, als ich in der 13. Klasse war. Das war schon eine echte Fremdheitserfahrung. Ich bin von dem Tag weggefahren und habe gedacht: „Okay, das mache ich nicht.“ Aber ich kam eben aus einem bildungsfernen Haushalt und hatte nicht so viele Ideen, was ich jetzt mit diesem Abitur machen könnte, außer das, was meine Hobbys gewesen sind: Auf Zeltlager fahren, Jugendgottesdienste vorbereiten, das konnte ich mir vorstellen. Also, dachte ich, probiere ich es mal mit diesem Theologiestudium.
Zoomen wir mal etwas heraus – von Ihren persönlichen Kipppunkten zu den Kipppunkten in Kirche und Gesellschaft. Wo stehen wir an der Kippe? Und was steht dort auf dem Spiel?
Bei Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt steht die gesamte katholische Kirche auf der Kippe. Menschen erfahren kirchliche Institutionen als Orte, an denen ihr Leben zerstört wird. Das ist ungefähr das Schlimmste, was passieren kann, wenn auf diesen Orten eigentlich „Heil“ und „Erlösung“ draufsteht. Es handelt sich hier um die Entdeckung der Ambivalenz des Christentums, des Glaubens und der christlichen Gottestradition. Ist das Katholische tatsächlich „im Grunde gut“? Oder sind dort menschenschädigende Sprachformen, Glaubensformen und Lebensformen mitenthalten? Ich glaube, dass diese Ambivalenz unausweichlich geworden ist – und zwar nicht nur durch die Missbrauchsfälle, sondern auch durch die Art und Weise, wie kirchliche Verantwortliche damit umgegangen sind.
Ein weiterer Kipppunkt ist sicher der Pandemieschock: Zum einen ist es natürlich großartig, dass diese bedrängende Zeit vorbei ist. Zum anderen sind wichtige gesellschaftliche, aber auch kirchliche „Learnings“ dieser Zeit zu schnell der Normalisierung zum Opfer gefallen. Die kreativen digitalen Experimente, aber auch die Solidarität unter den Menschen, z.B. für ältere Menschen einzukaufen, sind relativ schnell wieder verschwunden. Das war auch eine Chance, die man kirchlich nicht ergreifen konnte, weil die Routinen des kirchlichen Jahreskreises zu schnell wieder gegriffen haben – zum Leidwesen mancher kirchlicher Mitarbeiter:innen, die sagten: „Oh mein Gott, ich will nicht, dass es wieder normal wird!“
Der dritte Kipppunkt ist die Klimakrise. Während ich das Buch geschrieben habe, hatte die Klimabewegung noch einen großen Einfluss. Jetzt, nach einem Jahr, sind wir in eine andere Richtung gekippt: Durch all die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen hat man das Gefühl, dass Klima kein Thema mehr ist und alles so weiter geht, wie es war. Das bedeutet das Ignorieren von Jahrzehnten des menschengemachten Klimawandels, der deshalb so schwierig zu verstehen ist, weil er einen anderen Zeithorizont voraussetzt. Man muss unterscheiden, dass das Klima nicht das Wetter ist, was wir jetzt sehen, wenn wir aus dem Fenster schauen. Das Klima betrifft einen viel längeren Zeithorizont. Wir leben also schon jetzt in Dynamiken, deren Auswirkungen wir erst in Jahrzehnten merken werden.
Sie sind Praktischer Theologe und interessieren sich deshalb auch dafür, wie Theologie und Kirche(n) in diese Kipppunkte verwoben sind. Was lässt sich dazu beobachten?
Ein Punkt wird mir immer deutlicher: Das Christentum ist nicht immer nur Teil der Lösung, sondern vor allem auch Teil des Problems. So ist die Frage des Machtmissbrauchs eng mit dem Klerikalismus einer Kirche verbunden, die auf Autorität und Gehorsam zielt und auf einer Ständeunterscheidung in Priester und Lai:innen beruht. Nach der Pandemie kann man die freigesetzte seelsorgliche Kreativität nicht bewahren, weil man zu sehr in der Vorstellung verhaftet ist, Kirche manifestiere sich in einem Gebäude, in den Sakramenten und im Pfarrer. Das funktioniert in dieser Exklusivität so nicht mehr. In die fehlende Dringlichkeit bei der Wahrnehmung von Klimaschutzmaßnahmen ist die christliche Idee hineinverwoben, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist und er die Erde deshalb bestenfalls pflegt, schlechtestenfalls ausbeuten darf. All diese Verflechtungen stellen eine der zentralen Erzählungen des Christentums in Frage: Wir sind gekommen, um zu bezeugen, dass Gott den Menschen erlöst. Deshalb stünden Kirche, Christentum und kirchliche Mitarbeiter:innen grundsätzlich auf der Seite des Guten. Diese Erzählung ist in ihrer Eindeutigkeit falsch.
Nehmen wir mal an, man könnte gesellschaftliche und kirchliche Kipppunkte isoliert voneinander betrachten. Unterscheiden diese sich voneinander?
Gesellschaftlich stehen gerade zentrale Errungenschaften der europäischen Nachkriegsgesellschaft – Frieden, Menschenrechte, Demokratie – in Frage. Die Rolle der Kirche wird dabei oft so analysiert, dass sie der Stachel im Fleisch der Gesellschaft für mehr Gerechtigkeit ist. Während die Probleme auf der einen Seite aber immer drängender werden, hat sich die Kirche mit ihrer internen Struktur so ins gesellschaftliche Aus manövriert, dass sie diese Rolle überhaupt nicht mehr wahrnehmen kann.
Sie beschreiben in diesem Kontext auch, dass Christ:in-Sein heute nicht mehr an fester Kirchenzugehörigkeit oder einem starken religiösen Bekenntnis hängt. Woran dann?
Tja, wenn man das so einfach wüsste. Ich würde sagen, es hängt daran, mit dem Gott Jesu oder mit dem Evangelium zu rechnen, auch wenn man vielleicht gar nicht weiß, dass das gerade im Spiel ist. Im Samaritergleichnis zum Beispiel wird der „Falschgläubige“ zum Prototyp der Nachfolge. In Matthäus 25 wissen die Jünger:innen nicht, dass es Jesus war, den sie im Gefängnis besucht haben. Das heißt, es gibt im Glauben selbst eine Unschärferelation. Man kann gar nicht sagen, wo Gott oder das Christentum heute ist. Das ist keine Ablehnung, sondern Teil der Glaubensgeschichte. Christ:in-Sein ist eine Identität mit offenen Rändern und sobald diese Ränder geschlossen werden, verfehlen wir das, wofür sie da ist. Das ist eine echte Herausforderung für ein katholisches Milieu, das von einer starken Sichtbarkeit des Glaubens, der Kirche und der großen Gebäude geprägt ist. Diese Verflüssigung ist nicht nur ein Problem, sondern sie ist Teil der Lösung: Man müsste sie eigentlich umarmen und begrüßen. Dann bräuchte man aber auch andere Erzählungen davon, was heute Christentum ist – Erzählungen, in denen Menschen etwas Heilsames passiert oder Situationen der Verletzlichkeit und des Todes miteinander geteilt werden, wo auch immer sich das dann ereignet.
Seit dem Erscheinen Ihres Buches ist inzwischen fast ein Jahr vergangen. Wie beobachten Sie heute die Lage an den Kipppunkten? Ist vielleicht sogar ein neuer dazu gekommen?
In puncto Missbrauch: Der Synodale Weg ist zu Ende und es hat sich nicht wirklich etwas an der formalen Struktur der Kirche verändert. Das Echo der Corona- Pandemie ist lang: Man kann, glaube ich, noch nicht abschätzen, was die Pandemie mal gewesen sein wird. Und bei der Klimakrise ist der Hochpunkt der Bewegung abgeflacht, aber aus der Bewegungsforschung weiß man, dass nach der Bewegung vor der Bewegung ist. Niemand weiß, woran sich die nächste Bewegung entzündet, aber sie wird kommen. Darüber hinaus gibt es drei Kipppunkte, die ich im Buch nicht so ausführlich behandeln konnte: Das eine ist Digitalität und Digitalisierung. Durch Formen künstlicher Intelligenz verändern sich unsere Lebens- und Kulturformen gerade stark. Dann natürlich die Demokratiekrise und die Wende in autoritäre Formen, die damit einhergeht. Und ein weiteres Thema, das mir sehr wichtig ist, ist die Frage nach sozialer Gerechtigkeit und die Spannungen in der Gesellschaft zwischen den sehr wohlhabenden Teilen und anderen, die mit minimalsten Ressourcen ihr Leben bewältigen müssen.
Sie schreiben, dass das Denken in Kipppunkten mit ereignishafter Unsicherheit konfrontiert, nicht mit der Sicherheit der Katastrophe. Wie halten Sie es persönlich mit der Hoffnung, dass es mit dieser Welt vielleicht doch gut ausgeht?
Ich sympathisiere sehr mit Leuten, die sagen, dass der Hoffnungsdiskurs auch problematisch ist, weil er die Gegenwart zukleistern kann: „So schlimm wird es schon nicht werden, man darf eben die Hoffnung nicht aufgeben!“ Ein Satz, der mich in den letzten Jahren stark geprägt hat, ist der von Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Der Blick richtet sich dann auf die Frage, wie man in der Gegenwart ein bisschen was von den Verheißungen, die im christlichen Glauben aufbewahrt sind, so bezeugen kann, dass das Leben für die anderen und dann vielleicht auch für uns selbst ein Stückchen besser wird. Die Stärke dieser Formulierung, die ursprünglich von Johann B. Metz stammt, liegt darin, dass sie die Verbundenheit mit anderen stark macht. Das ist schon eine Sperre gegen jede identitäre Missinterpretation des Christentums. Es geht eben nicht nur um den eigenen Glauben und um die eigene Lebensform, sondern immer zuerst um die anderen. So kompliziert ist das Leben – und zugleich so einfach, weil Verbundenheiten auch Ressourcen sind. Sie sind Entdeckungshorizonte, die die Welt groß und weit machen. Und da steckt immer ein Stück mehr Lebendigkeit drin, als sich ins eigene Gefängnis einzusperren.
INTERVIEW
SOPHIA HOSE (21)





