„Was vom Geist von Frankfurt blieb“

Johanna Müller war das jüngste Mitglied auf dem Synodalen Weg. Nach sechs Jahren zieht sie Bilanz.

DER SYNODALE WEG

Der Synodale Weg war der Reformprozess der Katholischen Kirche in Deutschland, den die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) 2019 nach der Vorstellung der MHG-Studie zum Missbrauch in der Kirche initiierte. Dazu lud sie das Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) ein. Vereinbart waren vier Vollversammlungen und eine Reflexionssitzung drei Jahre nach der letzten Versammlung. Teil der Vollversammlung waren ca. 230 Personen: (bis zu) 69 Bischöfe, ebenso viele Vertreter:innen des ZdK, Vertreter:innen aus Priesterräten, den Orden, der Pastoral- und Gemeindereferent:innen, der jungen Generation (u30), des katholischen Verbandswesens und der theologischen Wissenschaft. Inhaltlich standen die Themen Macht und Gewaltenteilung, die priesterliche Existenz, Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche sowie Sexualität und Partnerschaft im Fokus. Zu diesen vier Themen gab es jeweils eine Arbeitsgruppe, die sogenannten Foren.

Dezember 2019. Über das Online-Portal „ Katholisch.de“ erfuhr ich, dass der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) 15 Menschen unter 30 Jahren sucht, die Teil der Synodalversammlung werden möchten. Ich hatte bereits von dem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland gehört. Die Ausschreibung machte mich neugierig und kurzerhand bewarb ich mich um einen Platz in der Synodalversammlung. Zu der Zeit lebte ich in Marienfeld, einem kleinen Ort im Bistum Münster. Ich engagierte mich in der Messdiener:innenarbeit und Kirchenmusik. Dass einiges in der Kirche schiefläuft, war mir auch mit 16 Jahren völlig klar. Ich selbst hatte bis dahin aber vor allem sehr positive Erfahrungen in der Kirche gemacht. In meiner Bewerbung um einen Platz in der Synodalversammlung schrieb ich unter anderem: „Ich möchte erreichen, dass ich mich nicht für meine Kirche schämen muss.“ Denn das musste ich vor allem in der Schule oft. Ausbleibende Reformen sowie konservative Rollenbilder – das konnten meine Mitschüler:innen nicht nachvollziehen.

Ende Januar 2020 fuhr ich nach Frankfurt am Main zur ersten Vollversammlung des Synodalen Wegs. Der BDKJ hatte mich für einen Platz der 15 Unter-30-Jährigen ausgewählt. Ich war das jüngste Mitglied der Synodalversammlung. Dass ich diese Rolle sechs Jahre lang innehaben würde, welche Medienöffentlichkeit das mit sich bringen und wie viel Zeit und Nerven mich dieser Prozess kosten würde – das konnte ich damals noch nicht ahnen.

Bei der ersten Synodalversammlung tagten wir in einem großen Saal im Dominikanerkloster. Alle saßen nach alphabetischer Reihenfolge an langen Tischen. Am Donnerstagabend, zur Eröffnung der Versammlung, zogen alle Synodal:innen zusammen in den Frankfurter Dom ein – ein Bild, das damals durchaus Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Neugierde unter den Synodal:innen war groß: Was erwartet uns? Welche Ergebnisse werden wohl am Ende des Weges stehen? Noch heute wird immer wieder der „Geist von Frankfurt“ beschworen. Diese Aufbruchsstimmung und Motivation vieler Menschen waren schon faszinierend. Für mich war es vor allem schön, junge Erwachsene und andere beeindruckende Menschen kennenzulernen, die sich für ihre Kirche einsetzen und die ähnliche Themen beschäftigen wie mich.

Im Januar 2020 stand der Synodale Weg noch ganz am Anfang. Wir mussten ins Arbeiten kommen. So beschloss die Synodalversammlung ihre Geschäftsordnung.

Die damit verbundenen Regelungen sowie der Tagungsmodus inklusive Redeliste und Abstimmungsmodi waren für die meisten neu und ungewohnt. Über 200 Menschen in einem Raum – da braucht es Strukturen. Um inhaltlich einzusteigen und Textvorlagen für die Versammlungen vorzubereiten, wurden die vier Themenforen eingerichtet. Ich wurde in das Forum I – Macht und Gewaltenteilung in der Kirche gewählt. Das Thema interessierte mich, weil ich bis heute überzeugt bin, dass das Machtthema in allen der auf dem Synodalen Weg bearbeiteten Themen eine Rolle spielt. Machtausübung ohne Verpflichtung zur Rechenschaftsablegung und eine durch Weihen sakralisierte Hierarchie, die dazu auch noch nur Männern offensteht, begünstigt Missbrauch.

Zwischen den Synodalversammlungen trafen wir uns regelmäßig im etwa 30-köpfigen Forum; einmal in Präsenz, danach auch aufgrund der Coronapandemie in unzähligen Videokonferenzen. Mit der Zeit fragte ich mich immer wieder, was eigentlich meine Rolle auf dem Synodalen Weg ist. Ich machte keine Wortmeldungen in der großen Versammlung und schnell ging es im Forum um theologische Details. Die Diskussionen fand ich damals zwar durchaus interessant, aber ohne Studium sah ich mich nicht in der Position, etwas Sinnvolles zur Textproduktion beizutragen. Meine Meinung wurde gehört und geschätzt, aber das Gefühl der Selbstwirksamkeit war begrenzt.

In anderen Bereichen war das anders: In all den Jahren bekam ich zahlreiche Anfragen – das Interesse an meiner Sichtweise war groß. So luden engagierte Gemeinden mich zum Predigen ein, Schulklassen stellten mir ihre Fragen und ich habe bei zwei Buchprojekten mitgewirkt. Rund um die Synodalversammlungen kam das große Medieninteresse hinzu: von klassischen Medien im katholischen Bereich wie „Katholisch.de“ oder „Kirche und Leben“ über Lokalzeitungen bis hin zu spontanen Interviews für die „Tagesthemen“ in der ARD. Ich wuchs mit meinen Aufgaben. Und ganz nebenbei lernte ich die Arbeit von Journalist:innen kennen, was mich sicher auch dazu bewegte, beruflich in diese Richtung gehen zu wollen.

Getragen hat mich über die sechs Jahre die Gruppe der jungen Synodalen: Zusammengewürfelt aus ganz Deutschland, in verschiedenen Lebensphasen und unterschiedlich in Verbänden engagiert, waren wir einander Stütze und Halt. Durch das Erleben so intensiver Versammlungen wurden wir einander sehr schnell vertraut. Bereits bei der zweiten Synodalversammlung fühlte es sich an, als würden wir uns schon viel länger kennen. In der Synodalversammlung fielen wir vor allem durch unsere gute Vernetzung auf. Einige von uns arbeiteten in den vier Foren mit, was uns half, während des gesamten Prozesses immer informiert zu bleiben. Vor den Vollversammlungen trafen wir uns zu Vorbereitungstreffen, planten Demonstrationen und weitere Aktionen und besprachen die anstehenden Abstimmungen. Dabei waren wir alle als Einzelpersönlichkeiten auf dem Synodalen Weg, es gab niemals einen Fraktionszwang in der Gruppe der jungen Synodalen.

Auf der letzten Synodalversammlung im Februar 2026 in Stuttgart fragte eine Journalistin mich, wie es sei, auf dem Synodalen Weg erwachsen zu werden. Ja, es war tatsächlich so. Da mein Engagement auf dem Synodalen Weg begann, als ich erst 16 Jahre alt war, kann ich vom Synodalen Weg nicht erzählen, ohne ihn mit biographischen Ereignissen zu verknüpfen. Auf der zweiten Versammlung in Frankfurt feierte ich im Oktober 2021 meinen 18. Geburtstag. Ich machte in diesen Jahren mein Abitur und lebte dann zehn Monate in Uppsala, wo ich einen Freiwilligendienst absolvierte. An einer Versammlung nahm ich deshalb nur digital teil, zur letzten Versammlung reiste ich mit dem Nachtzug aus Schweden an. Als wir uns nun das letzte Mal in Stuttgart trafen, war ich Studentin und wohnte in Tübingen.

Und jetzt? Was hat der Synodale Weg gebracht? Bist du zufrieden? Diese Fragen habe ich in letzter Zeit häufiger gehört. Die Antwort ist nicht ganz leicht. Ich habe mich meist sehr gerne auf dem Synodalen Weg engagiert. Ich bin überzeugt, dass es richtig war, diesen Weg einzuschlagen. Was wäre die Alternative gewesen? Die Ergebnisse der MHG-Studie ignorieren? Die missbrauchsbegünstigenden Strukturen in der katholischen Kirche weiter akzeptieren? Der Synodale Weg hat sich des Themas angenommen und viele Stimmen aus der katholischen Kirche in Deutschland zusammengebracht.

Dass die Stimmen der Betroffenen dabei bis zuletzt nur als Gäste gehört wurden und die Vertreter:innen des Betroffenenbeirats kein Stimmrecht hatten, ist einer der Fehler, die auf dem Synodalen Weg gemacht wurden. Das Monitoring der Umsetzung bleibt intransparent, solange nicht öffentlich wird, welche Diözesen Beschlüsse umgesetzt haben und welche nicht. Und wie viel sind theologische Grundlagentexte wert, wenn die praktischen Konsequenzen daraus nicht gezogen werden? Auch durch mein Studium ist mir nochmal bewusst geworden, dass es theologische Debatten gibt, die intellektuell einfach auserzählt sind. An dieser Stelle sei nur als ein Beispiel das Frauenpriestertum genannt. Die immer weiter auseinanderklaffende Realität von theologischer Wissenschaft und der katholischen Kirche befremdet mich.

Ich bin müde. Müde, dass ich mich als junge Frau immer wieder mit Dingen auseinandersetzen muss, die geweihte Männer über Jahrzehnte verbockt haben. So haben sie Menschen verletzt und der Kirche massiv an Glaubwürdigkeit genommen. Verwundungen fallen nicht vom Himmel – Menschen verursachen sie und müssen dafür Verantwortung übernehmen. Und dafür, dass sich etwas ändert.

Es geht nicht um irgendetwas. Es geht darum, wie eine Kirche überhaupt glaubwürdig für Menschenrechte eintreten will, wenn sie selbst Frauen und queere Menschen diskriminiert, intransparent handelt und – auch nach sechs Jahren Synodalem Weg – missbrauchsbegünstigende Strukturen aufrechterhält. Es macht mich wütend und ist zudem unglaubwürdig, von einer frohen Botschaft zu sprechen, wenn all dies nicht ernsthaft angegangen wird.

Gerade bin ich erstmal nicht mehr bereit, mich in der Kirchenpolitik zu engagieren. Der Ball liegt nun wirklich bei denen, die die Macht haben, Veränderungen umzusetzen: den Bischöfen.

Was von diesen sechs Jahren bleiben wird, wissen wir noch nicht. Vieles ist angedacht, manches ansatzweise verwirklicht. Aber die Beharrungskräfte sind stark und die, die den Synodalen Weg von Beginn an für „unkatholisch“ gehalten haben, eher gestärkt. Ich hoffe sehr, dass die Kirche in Deutschland keine Rolle rückwärts macht.

ZUR PERSON

Johanna Müller ist 22 Jahre alt und Autorin im Team des berufen-Magazins. Aufgewachsen in Ostwestfalen, zog sie 2023 zum Studium der Katholischen Theologie nach Tübingen. Seit 2025 ist sie zudem Stipendiatin an der Katholischen Journalistenschule ifp in München, wo sie eine studienbegleitende Journalismusausbildung absolviert.

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JOHANNA MÜLLER (22)