
Seelsorge mit allen Sinnen erleben
Ein Tag mit Claudia Ebert
Im Bereich der Seelsorge bei Menschen mit Behinderung steht der Mensch absolut im Fokus. Das durften wir bei einem Besuch an der Margarete-Steiff-Schule in Stuttgart erleben. Die Schulseelsorgerin Claudia Ebert hat uns zu einem ganz besonderen Tag dorthin eingeladen. Im Gespräch erzählt sie von ihrem inneren Antrieb, einmaligen Momenten und Kipppunkten in ihrem Arbeitsalltag.
Gespannt betreten wir den Eingangsbereich der Margarete-Steiff-Schule in Stuttgart. Es ist gerade Mittagszeit und die meisten Schüler* innen essen gemeinsam an den Tischen in der Mensa. Die Luft ist erfüllt von klapperndem Geschirr, lachenden Stimmen, Gesprächen und Essensduft. Wir setzen uns auf eine Bank neben einen großen, braunen Bären, der eine Nikolausmütze trägt. Mit Vollgas fährt ein lachender Schüler in seinem Rollstuhl an uns vorbei. Nachdem er ein paar Runden gedreht hat, ist er genauso schnell wieder davongedüst, wie er aufgetaucht ist. Freudestrahlend kommt Claudia auf uns zu. Sie trägt ein T-Shirt, auf dem in bunten Buchstaben „Glückspilz“ geschrieben steht. Verwundert fragen wir, was für einen farbenfrohen Wagen sie da vor sich herschiebt. Sie erklärt uns direkt und voller Stolz, dass dieser Wagen ihre eigene kleine Kirche auf Rädern ist. Diese hat sie mithilfe ihrer Nachbarn selbst gebaut, um alles nötige Material für den Religionsunterricht zu jeder Zeit parat zu haben. Claudia präsentiert uns den Kirchturm und zeigt, wie perfekt ihre Gitarre darin Platz findet. Die Kirche ist mit vielen Aufklebern der Sternsingeraktionen der letzten Jahre geschmückt. Beim diesjährigen Sternsingerprojekt dürfen wir die Schulseelsorgerin während unseres Besuchs begleiten.
Claudia erläutert, was der Bär, neben dem wir sitzen, mit der Namensgeberin der Schule zu tun hat. Margarete Steiff, Gründerin des Unternehmens der weltweit bekannten Steiff-Kuscheltiere, saß selbst im Rollstuhl. Sie steht für das Ziel der Schule, jedem Kind Bildung zu ermöglichen und dessen individuelle Fähigkeiten für die Zukunft zu fördern. Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) hat den Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Das Zentrum bietet verschiedene Bildungsgänge an. Beispielsweise gibt es in Claudias Klasse keine Benotung, stattdessen formulieren die Lehrer*innen für die einzelnen Schüler* innen Berichte über deren Lernprozesse. Das Anliegen der Schule in Claudias Worten ist es, „jeden Schüler nicht ins Nichts zu entlassen“. Dafür gibt es sogenannte Berufswegekonferenzen mit den Familien der Schüler*innen, den Lehrkräften und Mitarbeiter* innen der Agentur für Arbeit. Daran schätzt Claudia besonders, dass alle miteinander am Tisch sitzen und gemeinsam überlegen, welchen Schritt die einzelnen Schüler*innen als Nächstes gehen können. In der Margarete-Steiff-Schule sind die Klassen sehr unterschiedlich eingeteilt. Die Klasse, die wir begleiten, besteht aus fünf mehrfach schwerstbehinderten Schüler*innen und deren betreuenden Kräften. Claudia versucht, jede Klasse so zu nehmen, wie sie ist. Sie beschreibt die große Herausforderung der klaren Differenzierung, die es braucht, um alle Schüler* innen angemessen zu fördern.
Wir betreten das Klassenzimmer dieser Klasse und beobachten, wie Claudia sich vor einen Schüler im Rollstuhl hinkniet, ihn herzlich begrüßt und seine Hände berührt. Sie ist als Sternsingerin verkleidet und trägt eine Krone. Ein solches Kostüm bekommt nun auch der Schüler von ihr umgelegt. Gemeinsam betrachten sie sich begeistert im Spiegel. Jetzt sind wir an der Reihe, uns mit den königlichen Gewändern ebenfalls einzukleiden. Nachdem alle angekommen und fertig umgezogen sind, beginnt die Stunde mit einem Lied. Sobald Claudia die ersten Takte auf der Gitarre anschlägt, verändert sich die gesamte Atmosphäre im Klassenraum. Die Schüler*innen scheinen alle aufmerksam zu werden und sich auf die Musik zu fokussieren. Sie beginnen aufgeregt das Lied „Ich bin da, du bist da, wir sind da“ zu singen und darauf zu tanzen. Die Musik wirkt wie ein Türöffner. Die vorherige Ruhe schlägt plötzlich in freudige Aktivität und Bewegung um und alle sind voll dabei. Auch für ihre Kolleg*innen bildet das gemeinsame Singen und Musikhören das Highlight der Woche. Es beschenkt alle mit viel Kraft und Mut. Claudia findet es unglaublich faszinierend, wie stark Musik die Schüler*innen mitreißt und fügt scherzend hinzu: „Da wackelt alles. Man muss immer aufpassen, dass der Rollstuhl nicht umfällt“. Besonders motivierend ist es für Claudia, wenn Eltern davon berichten, dass ihre Kinder zu Hause den ganzen Tag das Lied aus dem Unterricht singen. Das gibt ihr das Gefühl, dass die Schüler*innen wirklich etwas mitgenommen haben.
Claudia besucht mit ihrem Sternsingerprojekt einen Monat lang verschiedene Klassen, um den Segen in der ganzen Schule zu verteilen. Alle Sternsinger machen sich auf den Weg in die Turnhalle. Dabei kommen wir wieder am großen, braunen Bären im Eingangsbereich vorbei, dem wir ebenfalls eine Krone aufsetzen. Uns kommen Kolleg*innen von Claudia entgegen, die uns begeistert Komplimente machen und zum Ausdruck bringen, wie sehr sie sich auf unseren Besuch freuen. Hier wird der herzliche Umgang unter den Kolleg*innen deutlich. Claudia beschreibt diesen als Kraftquelle und schätzt die gegenseitige Unterstützung sehr. Ein Betreuer fotografiert die vielen Könige vor dem Bären. Lachend setzen wir unseren Weg fort und erreichen die Turnhalle. Dort werden wir bereits gespannt erwartet. Alle Schüler*innen sitzen auf dem Hallenboden im Kreis und wir beginnen mit einem gemeinsamen Lied. Es werden Segensbändchen, Weihrauch-Öl zum Riechen, Gold zum Anfassen und Kronen zum Aufsetzen verteilt. Gemeinsam spenden alle Sternsinger den Anwesenden den Segen. Ein Sternsinger hat eine Spendenkasse auf dem Schoß und sammelt Geld ein. Abschließend singen wir das Lied „Du bist ein Königskind, dessen Würde ewig besteht“.
Nach dem Unterricht werden alle Schüler*innen nach draußen begleitet und abgeholt. Jetzt nimmt Claudia uns mit ins Lehrer*innenzimmer und erzählt bei einer Tasse Kaffee von ihrer Arbeit, ihrem Alltag und ihren Erfahrungen. Sie ist Gemeindereferentin und seit zehn Jahren Seelsorgerin für Menschen mit Behinderung im Dekanat Stuttgart. In dieser Funktion ist sie als Schulseelsorgerin und Religionslehrerin an der Margarete- Steiff-Schule tätig. Amüsiert blickt sie auf ihren ersten Tag an der Schule zurück. Am Anfang ging sie vollbepackt mit riesigem Rucksack und mehreren Taschen in den Unterricht. Sie versuchte, auf alle Eventualitäten bestens vorbereitet zu sein, merkte aber schnell, „das braucht es alles gar nicht“. Bei der Einführung bekam sie den Auftrag, das Thema „Licht und Schatten“ sechs Wochen lang zu behandeln. Dieser lange Zeitraum irritierte sie zunächst. Heute weiß sie, dass sie ein einziges Thema sogar ein ganzes Jahr lang unterrichten könnte. Es gehe nicht darum, so viele Themen wie möglich zu behandeln, sondern tiefer zu gehen und zu schauen, was die Schüler*innen in diesem Moment brauchen. Am Beispiel der Sternsingeraktion beschreibt sie, dass es darum gehe, einen Raum zu schaffen, um Dinge mit allen Sinnen zu erfahren, statt viel Wissen auf einmal zu vermitteln. Ihr wurde im Laufe der Zeit an der Schule bewusst, dass es schön ist, wenn die Menschen auf sie zukommen und selbst Vorschläge für mögliche Projekte machen. Für sie spielt bei ihrer Arbeit die Frage Jesu „Was willst du, dass ich dir tue?“ eine große Rolle.
Bei ihrer Arbeit gibt es keinen Alltag. Die zwei Tage, die sie in der Schule verbringt, bilden die Fixpunkte ihrer Woche. Abgesehen davon sieht jeder Tag völlig unterschiedlich aus. Claudia begleitet Menschen in Wohngruppen und besucht Werkstätten und Krankenhäuser. Zusätzlich bietet sie Töpfernachmittage an. Ein weiterer Teil ihrer Arbeit ist das Thema Trauer. Sie gestaltet Beerdigungen und begleitet trauernde Angehörige. Die Trauerarbeit ist auch Teil ihrer Stelle an der Schule. Dort ist das Thema ständig präsent. Allein in diesem Schuljahr sind seit September drei Schüler*innen verstorben. In diesen Fällen ist sie Ansprechperson. Sie organisiert Möglichkeiten für Kolleg* innen und Schüler*innen, ihrer Trauer Ausdruck geben zu können. Im Lehrer*innenzimmer zeigt sie uns einen von ihr gestalteten Trauertisch. Auf diesem liegen eine Kerze, ein Bild und Stifte. Die Lehrer* innen können den Angehörigen eine Botschaft schreiben oder ihre eigenen Gedanken notieren.
Die Schulseelsorge hat nicht nur mit Schüler*innen zu tun, sondern auch mit Kolleg*innen und Eltern. Anfangs berichtet Claudia von viel Gegenwind. Viele Kolleg* innen erzählen von Kirchenaustritten, negativen Erfahrungen mit der Kirche und stehen dem Religionsunterricht kritisch gegenüber. Jetzt, nach zehn Jahren, erzählt sie stolz von vielen positiven Rückmeldungen zu ihrer Arbeit. In vielen kurzen Gesprächen zwischen Tür und Angel spricht sie mit Kolleg*innen über Glaube, Hoffnung und existenzielle Fragen. Den Eltern stellt sie sich am ersten Elternabend vor, berichtet von ihrer Stelle und informiert über zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten. Zum Beispiel bietet sie Wochenenden für pflegende Eltern an, bei denen Räume geschaffen werden, in denen sie sich selbst vernetzen und Kraft tanken können.
Besonders gut an ihrer Arbeit gefällt ihr, dass der Mensch absolut im Mittelpunkt steht. Sie versteht es als ihre Aufgabe, in jeder Begegnung präsent und zugewandt zu sein. Wegen dieser einzigartigen Begegnungen freut sie sich jeden Tag auf die Arbeit. „Das ist das Schöne: Wenn ich mich hinsetze und überlege, was war heute gut oder was hat mein Herz berührt, dann fällt mir immer etwas ein“, erzählt sie. Ihre Motivation spiegelt sich in einer Haltung der Dankbarkeit wider. „Ich bin gesund, ich habe eine Arbeit und eine Wohnung, mir geht es so gut, ich darf das zurückgeben“.
Kipppunkte finden sich in ihrem Arbeitsalltag überall. Sie begleitet Familien, die oft auf der Kippe stehen und sich fragen, ob und wie es weitergehen kann. Beispielsweise betreut Claudia gerade eine Familie mit einer mehrfach schwerstbehinderten Tochter, die in eine Intensiv-WG umgezogen ist. Der Abschied zwischen Mutter und Tochter fiel beiden schwer. Dennoch war dies die beste Lösung, wie Claudia erzählt, weil es ungewiss war, wie lange die Mutter die Pflegesituation noch alleine hätte bewältigen können. Überwiegend entdeckt Claudia aber positive und heilsame Kipppunkte in ihrer Arbeit. Zentral für sie ist ein Perspektivenwechsel. Es geht nicht darum zu schauen, was die Schüler*innen nicht können, sondern darum, dass man ins Auge fasst, was möglich ist. Claudias Erfahrung nach ist das oft mehr, als sie zu Beginn denkt.
ZUR PERSON
Claudia Ebert arbeitet seit fast 30 Jahren im pastoralen Bereich unserer Diözese. Sie studierte Religionspädagogik mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik in Freiburg. Während eines Freisemesters in Brasilien arbeitete sie in einer großen Gemeinde. Nach ihrer Assistenzzeit in St. Georg in Stuttgart war sie als Gemeindereferentin in der Kirchengemeinde in Kornwestheim und der Gesamtkirchengemeinde Esslingen tätig. Seit 2016 ist sie Seelsorgerin für Menschen mit Behinderung im Stadtdekanat Stuttgart. Die Stelle besteht zu gleichen Teilen aus Seelsorge und der Arbeit an zwei sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren. An diesen Schulen gibt sie Religionsunterricht und ist Schulseelsorgerin. Unter www.wir-sind-mittendrin.drs.de gibt es weitere Informationen zur Seelsorge bei Menschen mit Behinderung in unserer Diözese.
TEXT
MARA STROHM (21) UND KARLINA KRAUSE (20)





